Poetry-Slam

Als ich die Augen aufschlug, war es noch dunkel draußen. Im ersten Moment wußte ich nicht wo ich bin. Doch dann hörte ich die widerwärtigen Geräusche, die man nur mit größter Humanitärer Hingabe als Schnarchen bezeichnen konnte und mir wurde klar. Berlin Virchow Krankenhaus, Neurochirurgie, Zimmer 13, belegt mit acht Männern. Die Türe flog auf und Oberschwester Anneliese schleuderte mit der Grazie eines Schützenpanzers durch den Raum. In ihrer ganz eigenen, liebevollen Art begrüßte sie mich: „Morjen Wellmann, heute schon Stuhlgang gehabt?“

Sie riss alle Fenster auf und mir die Bettdecke vom Leib, was mich, angesichts der 5 Grad Minus draußen, nicht nur zu einem Krampfartigen Kälteschock, sondern im Geist in meine Kindheit führte, in der meine Mutter dieselbe Aktion jeden Morgen nur noch damit krönte, das Radio volle Granate aufzudrehen. Ich wußte noch nicht genau wie Oberschwester Anneliese sterben sollte…, auf jeden Fall langsam.

Noch 2 Stunden bis zum Frühstück. Manchmal beneidete ich Herrn Breemaier, der neben mir tapfer im Koma lag, darum das er künstlich ernährt wurde. Die Bemühungen seiner Mutter, die zwei Zimmer weiter lag, die Stationsleitung davon zu überzeugen, daß ihr Sohn ihr eigentlich nur ein Kofferradio vorbei bringen wollte, schlugen bis jetzt fehl. Doch die Regeln sind streng bei uns und wer außerhalb der Besuchszeit auf dem Gang erwischt wurde, der musste mit Konsequenzen rechnen. Aber dafür musste er auch nicht auf´s Frühstück warten.

Vor kurzem bin ich auch zum Sprecher unseres Acht Bett Zimmers gewählt worden. Fast einstimmig. Breemaier mussten wir als Enthaltung zählen. Wenn man so im Koma liegt ist man auch immer irgendwie außen vor. Aber als wir dann abends meine Wahl gefeiert haben, haben wir ihm einen Kurzen mit in die Infusionslösung gegeben. So tanzte wenigstens der Pegel der Herz-Lungenmaschine.

Um die Zeit bis zum Frühstück ein wenig zu verkürzen, ging ich in den Fernsehraum, der um diese Zeit schon voll besetzt und so verqualmt war, dass man den Fernseher nur hören konnte. Ich griff mir die Zeitschrift, die die lesbische Schwesternschülerin immer liegen ließ. Ich persönlich fand den Titel „Schwanz ab“ für eine Illustrierte etwas unpassend, obwohl er zumindest für einen gewissen Stil stand.

„Sex schützt vor Grippe“ stand da. Ein Artikel darunter stand aber, das Grippe vor Krebs schützt und noch einen drunter, das Fahrrad fahren, Männer mittleren Alters impotent machen kann.

Ich war verwirrt. Wenn ich also Fahrrad fahre werde ich impotent, habe keinen Sex, kriege ´ne Grippe, aber keinen Krebs. Wenn ich kein Fahrrad fahre, kann ich Sex haben, sterbe aber vielleicht an Krebs. Und wenn die Forscher sich geirrt haben, werde ich impotent,, habe keinen Sex, kriege eine Grippe, bekomme dann noch Krebs und kann sowieso kein Fahrrad mehr fahren.

So langsam verstand ich, warum die Zeitschrift ihren Namen trug.

Vom Fernseher hörte man die Nachrichten. Verspätungen bei der Bahn nehmen drastisch zu. Selbstmörder beim warten auf den Schienen eines natürlich Todes gestorben.

Ich blätterte noch ein wenig in der Schwanz ab, als endlich der Frühstückswagen aus dem Fahrstuhl rollte. Wenn das Essen im Krankenhaus dann endlich mal kam, fragte man sich immer worauf man eigentlich die ganze Zeit gewartet hatte. Und man fragte sich…, wie konnte man alles nur soweit kommen lassen.